Folge 097: Interview mit Christiane Engelhardt über Traumata, Hotspots und Lawinengefahr

Der Weg zurück ins Leben-Podcast – von und mit Christina Bolte sowie heute mit ihrem Interview-Gast Christiane Engelhardt.

Interviewpartnerin Christiane Engelhardt

Interviewpartnerin Christiane Engelhardt

Heute ist so etwas wie eine Premiere – denn abweichend von meinem Vorsatz, dass ich mich in meinem Podcast mit meinen Interviewpartnerinnen und -partnern über ihre persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen unterhalten will, spreche ich heute zur Abwechslung mit einer Expertin in Sachen Weg zurück ins Leben. Warum mache ich diese Ausnahme? Weil ich glaube, dass die gegenwärtige Situation so ein Interview erfordert. Punkt.

Mein heutiger Interview-Gast ist Christiane Engelhardt aus Bonn, und wir führen das Interview während ihres “Kreativ-Urlaubs” am Achensee über Zoom. Christiane war über 30 Jahre als Körperpsychotherapeutin tätig, zunächst als Ärztin in einer psychosomatischen Klinik und später in eigener Praxis. Zuvor hatte sie eine Ausbildung als Krankengymnastin gemacht (heute würde man glaube ich Physiotherapeutin sagen), weil ihr neben der Psychoanalyse und dem rein Verbalen der Körper immer wichtig war. Neben ihrem Studium zog sie ihre beiden Kinder groß.

Mittlerweile arbeitet sie mehr als Dozentin, Supervisorin und Lehrtherapeutin. Daneben widmet sie sich ihren Hobbies: Der bildenden Kunst, der Malerei und dem Schreiben von Büchern (siehe auch ihre Buchempfehlungen)

In diesem Interview sprechen wir auch über die Corona-Pandemie aus fachlicher Sicht bzw. über das, was diese mit Menschen macht.

Viel wichtiger allerdings ist aber wie immer, das, was jeder von uns für sich tun kann, um seinen und ihren “Weg zurück ins Leben” zu beschreiten – und das ist ziemlich viel.
Genau darum geht es im ersten Teil des heutigen Interviews. Aber höre selbst:

Eine kurze Zusammenfassung dieses Interviews wie auch die Links zu den erwähnten Büchern findest Du im Folgenden:

Was für Traumata hatten denn Deine Patient/innen so erlitten – und wie äußern sich diese? Also wegen welcher Beschwerden kamen diese zu Dir?
Oftmals kamen die Patienten mit einer dicken Krankenakte unter dem Arm in die Klinik, nach zig Operationen und unklare Beschwerden. Dahinter stand of zum Beipiel ein sexueller Missbrauch, ein gravierendes Trauma, das früh in der Kindheit passiert ist. So was kann sich also hinter manch einer Angst oder Panik oder einer Depression oder chronischen Schmerzsymptomatik verstecken. Hinter so einer Symptomatik oftmals ein Trauma war.

Weil mich das so fasziniert hatte, habe ich eine Ausbildung zur EMDR-Therapeutin gemacht (Anmerkung: EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, auf Deutsch: Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung), also ein bestimmte Art Trauma-Therapie. Die Patienten kamen zu mir ganz oft mit sehr aktuen Erlebnissen, wie Gewalt, Autounfälle, aber auch zum Beispiel bei Syrern Flucht- oder Kriegserlebnisse, genauso aber Personen, die Gewalt auf der Arbeit oder Überfälle erlebt haben. Aber zum Schluss habe ich mich immer mehr spezialisiert auf traumatische Trauer, also Menschen, die Angehörige durch Suizid verloren haben.
Was aber auch immer wieder vorkommt, sind diese sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD), die erst nach einigen Wochen oder sogar bis zu 8 Monate nach einem Ereignis auftauchen. Oder komplexe Traumatisierungen, die über eine lange, lange Zeit entstanden sind, z. B. durch langjährige Gewalt- oder Mißbraucherfahrungen.

Was ist der Unterschied zwischen einer „normalen“ Belastung und einem Trauma, bzw. wann wird eine zunächst gewöhnliche Belastung behandlungsbedürftig?

Also zunächst mal möchte ich klarstellen, dass JEDER Mensch eine Belastungskrise bekommen kann, wenn die individuellen Bewältigungsmechanismen überfordert sind. Das ist grundsätlich abhängig von Intensität und Ausmaß der Traumatisierung, davon was es für Folgen mit sich bringt, von subjektiver Wahrnehmung und den jeweiligen Vorerfahrungen und natürlich von Persönlichkeitsstruktur.
In meiner Arbeit nutze ich den so genannten “Grad der Belastung”. Das ist eine Skala von 0 (“das belastet mich überhaupt nicht”) bis 10 (“das ist für mich nicht aushaltbar”). Bei über 3 werde ich dann hellhörig, und schaue dann nach den Symptomen.
Für Kinder oder Menschen, die nicht so gut Deutsch sprechen gibt es andere Formen, das auszudrücken, zum Beispiel über Bilder.

Die klassischen Symptome teilt man ein in “konstriktiv”, also alles was einengt: Verdrängung, Vergessen, also Amnesie, Vermeidung von ähnlichen Situationen, Schonhandlungen, Risikovermeidung und auch Rückzug, weil Vertrauen und Grundüberzeugungen verloren gegangen sind.
Andererseits gibt es diese “übererregte” Symptomatik, mit übermäßigen Schreckreaktionen, Bauchschmerzen, Zittern, Schwindel, Herzrasen, Hypervigilanz – eine übermäßige Wachsamkeit – aber auch Konzentrations- und Gedächtnisstörungen.

Bei Kindern verändert sich oftmals das Spielverhalten oder es zeigen sich Regressionen, d.h. sie fallen in ihrer Entwicklungs wieder zurück, und fangen zum Beispiel wieder das Bettnässen an.

Gibt es aus Deiner Erfahrung heraus Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern bei den Symptomen? Oder gibt es Unterschiede bei den Berufsgruppen, Regionen oder bei bestimmten Bevölkerungsschichten, die besonders betroffen sind?

Über Kinder hatte ich ja schon gesprochen. Ansonsten sagt man so – wobei ich da immer recht vorsichtig bin – das Risiko einer Traumatisierung kann erhöht sein bei sozialen Randgruppen, sie ist abhängig vom sozio-ökonomischen Status, es ist abhängig von psychischen Vorerkrankungen, mit denen jemand in eine schwierige Situation kommt. Insgesamt sagt man, dass Traumen, die von Menschen als schlimmer erlebt werden, als beispielsweise Naturkatastrophen.

 

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Nachdem das heutige Thema doch ein wenig anspruchsvoll ist, kannst Du den zweiten Teil unseres Gesprächs Du in der nächsten Folge anhören. In der Fortsetzung geht es darum, was für Chancen in so einer Krise auch liegen kann. Und vor allem, was Betroffene außerdem noch selbst tun können, um wieder ihren persönlichen „Weg zurück in ihr Leben“ zu finden.

Die Fortsetzung dieses Interviews findest Du ab 4. März unter diesem Link.

 

 

Die Kontaktdaten von Christiane Engelhardt:
www.christiane-engelhardt.de

 

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