Folge 106 – Interview mit Michael Diesner

Der Weg zurück ins Leben-Podcast – von und mit Christina Bolte sowie heute mit ihrem Interview-Gast Michael Diesner.

Interviewpartner Michael Diesner, Hintergrund Lichter nachts

Interviewpartner Michael Diesner

Mein heutiger Interviewpartner ist Michael Diesner, Unternehmensberater und Disability-Experte aus Wien. Ich lernte ihn vor ein paar Wochen während einer Online-Veranstaltung kennen, in der es um Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz ging.

Im heutigen Podcast-Interview erzählt er von seiner Auszeit, einer psychotischen Episode, die ihn vor 8 Jahren nach einigen Monaten in Kliniken noch einige Jahre der Selbst-(neuer-)findung und Arbeitslosigkeit wieder zurück in ein neues Berufsleben und zu neuer Stärke führte.

Aber höre selbst, was er von seiner Erfahrung “in der anderen Welt”, wie er es nennt, berichtet.

Ich wünsche Dir viel Spass und gute Erkenntnisse beim Zuhören:

Deine schönsten Erlebnisse während der akuten Zeit Deiner Krankheit:

Ich hatte gerade in der ersten Zeit in der Psychiartrie sehr menschliche Begegnungen mit allen Mit-Patient:innen. Es kam mir fast so vor, als ob es da drinnen viel “normaler” wäre als sonst so draußen. Dort ist alles so schnell in der normalen Welt, und vieles ist dort so ein kaltes, ein gar nicht achtsames Miteinander. Und das wars irgendwie, was mich vorher auch verdrießlich gemacht hatte – die Unachtsamkeit in der Großstadt, die eigentlich gar nicht sein müsste.
So war in der Psychiartrie irgendwie alles viel normaler, menschlicher, als man das das glauben würde.

Deine größte Lernerfahrungen?

Die erste war, dass ich mich nicht verstandesmäßig quälen oder anstrengen musste, um für mich irgendwelche Dinge zu regeln oder kontrollieren zu müssen, denn die Welt hat sich auch so weiter gedreht. Und auch sich um nichts kümmern zu müssen in der Klinik, dieses Loslassen – die Welt dreht sich weiter auch ohne mich.
Und dann war da aber auch dieses Wahrnehmen von Barrieren: Ärzte, die sagten: “Das geht nicht.” oder Stigmatisierungen oder Freunde, die sich zurück gezogen haben, evtl. auch, weil Ängste oder Überforderung im Spiel waren.

Deine größte Angst in dieser Zeit?

Also zunächst mal: Bekomme ich das wieder hin ohne Medikamente? Das hab ich zum Glück lernen dürfen, dass das geht mit der richtigen Begleitung – und mit einem guten Sicherheitsnetz an Familie, Freunde und Bekannte, die alle eingeweiht wahren, wie sich das zeigt, wenn das losgeht.
Und dann natürlich: Bekomme ich das alles hin – durch diese Wahrnehmung, nicht mehr richtig zu funktionieren? Also durfte ich in verschiedenen Settings Selbstwirksamkeit trainieren, zu lernen, dass ich Wirkung in der Welt habe. Das musste ich in ganz kleinen Schritten machen. Und auch – wie sieht das aus, wenn ich Stress habe, zum Beispiel in der Arbeit.
In Summe konnte ich aber viel an alter Stärke und auch neuer Stärke mitnehmen, und auch an Stressresilienz.

Deine größten Hoffnungen in dieser Zeit?

Ich hab mir viel öfter die Frage gestellt: “Was will denn die Welt von mir? ” anstatt: “Was will ich von der Welt?” und wie kann sich das gut finden. Ich wollte ursprünglich in die Peer-Beratung gehen, also Menschen direkt Mut machen. Aber es gab damals im deutsch-sprachigen Raum nur eine Ausbildung für so etwas, und da gab es keine Möglichkeit als nicht selbständiger zu arbeiten, und das hab ich mir damals nicht zugetraut.
So hab ich noch einen kleinen beruflichen Umweg gemacht bis ich jetzt vor einem halben Jahr bei MyAbility gelandet bin, wo es eben genau um solche Fragen geht, Potenziale aufzeigen, Chancengleichheit, Barrierefreiheit und Barrieren in den Köpfen.

Was hast Du – außer Deiner Arbeit – noch an Deiner Lebensgestaltung verändert?

Das sind ganz viele Dinge: Ich kann heute viel besser genießen, ich kann heute viel einfacher Dinge so sein lassen, annehmen. Ich habe einen entspannteren Umgang mit den Dingen und habe eine weniger starke Identifikation damit. Das hat eine ganz andere Qualität in allen Bereichen des Lebens und davon profitiere ich in vielerlei Hinsicht.
Und ich weiss nicht, ob das vorher so möglich gewesen wäre – ich kann mich selbst mehr annehmen.

Gab es bestimmte Phasen oder Meilensteine auf Deinem Weg?

Ganz wesentlicher Schritt war es, in die Vollerwerbstätigkeit zurück zu kehren und hier auch einen Arbeitgeber zu finden, der selbst Erfahrungen im familiären Umfeld hatte und mir eine Chance gegeben hat.
Ich hab auch in dieser Tätigkeit noch mal einen psychotischer Schub gehabt, aber bin auch gut durchgekommen. Ich war auch noch mal 2 Wochen stationär in einer Klinik und musste neu auf Medikamente eingestellt werden um mich da wieder zu stabilisieren.
Und dann waren eben so Situationen da, dass ich sehr angespannt war wegen der Medikamente oder mal früher nach Hause gehen musste oder mal eine halbe Stunde Pause machen musste. Trotzdem konnte ich da Selbstwirksamkeit erfahren, weil man mir die Möglichkeit gegeben hat, in meinem Tempo wieder zurückzufinden.

Wer oder was Dir am meisten geholfen, Deinen Weg zu gehen?

Das war ein Zusammenwirken von vielen Menschen: meine Tante, mein Onkel, meine Eltern, Freund:innen… Meine Mutter, die an mich geglaubt hat. Aber auf eine Person reduzieren kann ich das nicht.
In mir war auch so etwas wie ein Überlebenswillen, eine gute Stimme, ein Urvertrauen.  Wie so eine “innere Weisheit”, die über meinen Verstand hinaus gingt. Wie so etwas Friedliches, Geduldiges, das da mit mir gesprochen hat.

 

Blitzlicht-Runde:

Die Essenz Deiner Auszeit in einem Satz:
Sei achtsam mit Dir selbst und Deiner Umwelt gleichermaßen!

Der wichtigste Schritt, der Dich über Deinen Wendepunkt hinaus gebracht hat:
Nein sagen lernen.

Die wichtigste Ressourcen für Dich:
Das INDI (Individualisiertes Arbeitstraining), wo ich in einem sicheren Raum mich wieder selbst ausprobieren und Selbstwirksamkeit erfahren durfte.
siehe Link – (Anmerkung Christina: Ich bin mir nicht sicher, ob es etwas Vergleichbares auch in Deutschland gibt).

Deine besten Buchempfehlungen:

Was möchtest Du unseren Zuhörern zum Abschluss noch mit auf den Weg geben:
Einen Fuß vor den anderen setzten und den Affenzirkus im Kopf, alles was man so in die Zukunft oder in die Vergangenheit projiziert, auch getrost mal sein lassen und nicht so ernst zu nehmen – vor allem wenn es keine Freude bereitet.

Deine Kontaktdaten:
Email: michael.diesner@myAbility.org
Webseite: https://www.myability.org

 

(c) Photo-Credits: xxx

 

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