Buchrezension Alexander Shaia “Rückkehr vom Jakobsweg”

Das Buch “Rückkehr vom Jakobsweg” * von Alexander John Shaia bekam ich als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Da mich selbst – wie Du sicher weisst, wenn Du mir folgst – das Thema “was passiert nach dem Jakobsweg” auch umtreibt, komme ich dem gerne nach.

Zunächst vorab: Das Buch ist ursprünglich in englischer Sprache unter dem Titel “Returning from Camino” * erschienen, jedoch habe ich die frisch herausgegebene deutsche Übersetzung gelesen. Auch wenn der Übersetzer selbst bislang nicht gepilgert ist, finde ich, dass die Übersetzung dem Kontext und dem Vokabular des Pilgerns hervorragend entspricht. Anscheinend hat er jedoch den Klappentext nicht übersetzt, hier nehme ich einen Stilbruch wahr.

Zum Autor selbst:

Alexander John Shaia ist Amerikaner, Kultur-Anthropologe, Religionslehrer und pastoraler sowie klinischer Pastoral Psychotherapeut. Seit vielen Jahren (oder genauer: Jahrzehnten) beschäftigen ihn das frühe Christentum und die Texte der vier Evangelisten, außerdem beschäftigt er sich mit Übergangs-ritualen. Vermutlich hat er noch viele viele weitere Facetten und Betätigungsfelder, die ich an dieser Stelle aber weder bewerten kann noch will.

Zum Inhalt:

Der Aufbau des Buches orientiert sich an den “Phasen” des Pilgerweges, wobei sich das eine oder andere Kapitel erst beim Lesen erschliesst, was gemeint ist.

  1. Gaben und Herausforderungen
  2. Vor der Abreise
  3. Unterwegs
  4. Ankommen an der Kathedrale (Schrein)
  5. Nach dem Gehen
  6. Die Heimreise
  7. Die Heimkunft
  8. Deine eigene Geschichte leben
  9. Hilfen bei der Integration
  10. Abschluss: Feuer, Treffen, Dienst
  11. Ein klassischer Übergangsritus

Der Autor nimmt sich viel Zeit, um die aus seiner Sicht optimale Vorbereitung eines Pilgerwegs zu beschreiben – und zwar nicht nur die eigene, sondern auch unter Einbeziehung des persönlichen Umfelds/der Familie des/derjenigen, der/die sich auf den Weg macht. Demgegenüber ist die Beschreibung des Unterwegs gerade mal halb so lang.
Grundsätzlich halte ich die Vorbereitung (auch des Umfelds) für eine hervorragende Sache, die allerdings vermutlich in der Praxis oft daran scheitern wird, dass man sich vor der Abreise selbst gar nicht so vorstellen kann, was einem denn unterwegs alles so passieren kann bzw. inwiefern oder auf welche Art und Weise einen das selbst verändert. So sind diese Ideen oftmals “im Nachhinein” verständlicher als vor der Abreise, wenn zu dem Zeitpunkt sicher vieles recht kryptisch oder vage klingen mag.

Was das Buch deutlich von allen anderen (auch von meinem eigenen) unterscheidet, ist dass der Autor die Ankunft in Santiago bzw. Finisterre/Muxia nicht als “Ankommen” beschreibt, sondern bewusst die Formulierung “Umkehrort” verwendet – wohl auch, um auf die Signifikanz des “Weges zurück” hinzuweisen. Die Formulierung und den Gedanken fand ich spannend – vor allem, weil ich das so noch nie gehört hatte.
Der Autor macht viele teils konkrete, teils allgemeine Vorschläge, wie man für sich selbst das “Jakobsweg-Feeling” verlängern kann. Wobei manches davon (was der Autor allerdings selbst auch schreibt) sicherlich Geschmackssache ist, und manches ist sicherlich nicht (auch zeitlich nicht) für jeden umsetzbar ist.
Darüber hinaus wird auch bei der Reflektion und Integration vorgeschlagen, auf welche Art man das Umfeld in den Prozess mit einbeziehen kann – hier muss ich sagen, ist das Buch von Alexander Shaia eine tolle Ergänzung zu meinem eigenen Buch “Den Jakobsweg ins Leben nehmen”*, das diesen Aspekt weniger berücksichtigt, sondern sich eher auf den Pilger selbst fokussiert.
Für mein persönliches Empfinden wird sich die Passage mit dem “Dienst” (Kap. 10) dem heimgekehrten Pilger erst mit erheblichen zeitlichen Abstand in seiner ganzen Tragweite offenbaren. Der dafür notwendige “innere Reifungsprozess” lässt sich glaube ich auch nicht mit einem Buch verkürzen, das wäre sicherlich mehr an den Haaren herbei “gewollt” als tatsächlich durch inneres Wachstum oder göttlichen Ein-Fall hervorgerufen.

Immer wieder wird auch auf die spezifischen Qualitäten und Besonderheiten eines Übergangsrituals hingewiesen (siehe Kap. 11). Das war für mich ein neuer Aspekt, den Jakobsweg als solches zu sehen, wenngleich ich die verschiedenen Punkte gut nachvollziehen konnte. Allerdings vermute ich, dass der Pilgerweg auch für die wenigsten Pilger tatsächlich als solcher geplant ist (oder zumindest habe ich wenige Pilger getroffen, die ihn tatsächlich als solchen gestaltet haben).

Zusammenfassend…

…ist zu sagen, dass das Buch für Menschen, die den Jakobsweg wirklich gezielt als Übergangsritual gestalten wollen, aufgrund der zahlreichen Vorschläge zur Vorbereitung sehr zu empfehlen ist.
Wer im Nachhinein feststellt, dass der Jakobsweg in ihm/ihr einen ordentlich Prozess angetriggert hat und ihn nun gut gestalten möchte, für den ist dieses Buch – auch in Ergänzung zu meinem Buch * – eine tolle Sache.

Positiv finde ich:
+ das umfangreiche Quellenverzeichnis (auf das auch im Text gelegentlich verwiesen wird)
+ dass der Autor explizit auch das Umfeld bei der Vorbereitung wie auch der Nachbereitung mit einbezieht

Neutral finde ich:
o Ich glaube, dass man in der Phase nach der direkten Heimkehr vom Jakobsweg viele Ideen/Vorschläge, die der Autor beschreibt, so noch nicht annehmen kann, sondern erst (viel) später im Rückblick deren Tragweite erkennt. Möglicherweise kann sich dadurch ein Erstlings-Pilger etwas überfordert fühlen.

Nicht so gut gefällt mir:
– dass auf dem rückseitigen Cover behauptet wird, es sei “der erste Ratgeber für heimkehrende Pilger…” – denn das stimmt allenfalls für den englisch- und spanischsprachigen Raum.
In Deutschland ist mein Buch “Den Jakobsweg ist Leben nehmen” eindeutig früher (2015) erschienen.

Hier kannst Du das Buch ansehen, reinlesen und/oder kaufen:
Rückkehr vom Jakobsweg * von Alexander John Shaia

Und hier findest Du die Webseite des Autors: https://www.quadratos.com/alexander/

 

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Weitere Infos dazu siehe hier.

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