Der Weg zurück ins Leben-Podcast – von und mit Christina Bolte.
Heute habe ich wieder einen spannenden Interview-Partner bei mir: Michel Malcin, der mit seinem Doppellecker-Cafébus durch Europa fährt und Love, Peace and Coffee verteilt.
Bitte erzähl uns doch kurz von deinem Leben. Wer bist du? Was machst du? Wer warst du vor deiner Auszeit und wie kam es dazu?
Ich war 16 Jahre lang Pastor und hatte dann einen Burnout und war dann in einer Klinik für zwölf Wochen. Dort habe ich das Buch gelesen *Das Café am Rande der Welt und fand das so traurig, dass es solche Orte immer nur in der Fiktion gibt und nicht in echt.
Das was mich so fasziniert hatte an diesem Ort, war nicht, dass es ein Café war, sondern dass es ein Ort war, an dem es um gute Fragen ging anstatt um fertige Antworten.
Dadurch ist bei mir etwas ins Rollen gekommen, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich hab dann nach der Klinik gekündigt und wusste, es muss sich was ändern. Ich war lange gerne Pastor, bin aber unter anderem auch dadurch ausgebrannt, weil ich nicht mehr Antworten geben wollte, sondern mehr Fragen stellen wollte. Und so ist dann die Idee eines Cafés entstanden auf Rädern. Auf Rädern deswegen – das war auch eine Erkenntnis aus der Klinik, wo man viel Zeit hat darüber nachzudenken, was macht einen lebendig, wo fühle ich mich wohl und was brauche ich um nicht auszubrennen, sondern zu blühen – das ist vor allem Abwechslung und Abenteuer.
Und da kam eben die Idee: Warum nicht ein Café auf Rädern, das unterwegs ist und ich wollte halt keinen Food-Truck, wo man irgendwie Kaffee to go austeilt, sondern ich wollte einen Ort schaffen, wo Menschen sich willkommen fühlen, wo man reden kann, wo Begegnung stattfindet. Viel Platz hat man halt im Bus, und noch mehr Platz hat man im Doppeldecker. Und dann hab ich diese Bus gefunden und umgebaut. Ich hab zwar keine große handwerkliche Begabung, aber einen großen Glauben.
Hast Du positive Erfahrungen, die du aus deinem Burnout gezogen hast?
Es war einfach eine erzwungene Auszeit, sagen wir mal, die mich mit dem Arsch auf dem Boden gedrückt hat. Und wo ich dann unten war, hatte ich dann einfach nochmal Zeit nachzudenken, genau, was will ich denn jetzt machen? Also weitere Strategien entwickeln, wie man durch den Tag kommt, wie man Kraft bekommt und das irgendwie durchhält, ist eine Möglichkeit.
Oder etwas, und das war meine Frage, genau, was habe ich vor meinem wilden Leben, was ich dann noch machen und was kann ich gut, was will ich? Und was lässt mich vor allem aufblühen? Wie müsste der Ort aussehen, dass das passiert? Und dann habe ich mir ein Ort geschaffen, der genau das tut.
Ich habe den Bus, einen Ort der Begegnung, die Menschen sind dann nur gewisse Zeit drinnen. Ich bin nicht so der Langstreckenläufer, der Leute mit Problemen ganz lange begleitet und so, sondern so erst eher der Kurzdistanzläufer. So, und das ist damit gegeben. Ich habe meine Abwechslung da, ich habe meine Bühne da. Ich kann zuhören, Fragen stellen und mittlerweile lebe ich sogar in dem Bus und reise durch ganz Europa.
Deine schönste und bewegendste Erfahrung, die du auf dem Jakobsicht gemacht hast?
Die gibt es nicht. Weil jede Begegnung eine andere Schönheit hat, eine andere Qualität sozusagen.
Wir waren feiern und mit der Gitarre singen. Oder auch, dass der Bus eine Rettungsstation ist, wo Leute nicht mehr weiter konnten und mega dankbar sind. Menschen aus der ganzen Welt drin waren, die von ihrem Leben berichtet haben, die für sich dort neue Erkenntnisse gewonnen haben.Und da gibt es in dem Sinne keine schönste Geschichte, sondern jeder hat eine andere Schöne. Also jede Geschichte hat was anderes Schönes, sozusagen.
Ich meine, das ist sowieso, dass das ganz tolle an diesem Café sozusagen, dass jede Begegnung, die darin stattfinden wird, die ist nicht geplant. Niemand sagt, ich gehe so in den Bus und mal gucken, was da ist, sondern der Bus steht halt irgendwo und die Leute kommen rein und dann passiert das Magische.
Deine größten Lernerfahrungen oder Erkenntnisse, die Du auf deinem Weg hattest?
Was ich gerne Leuten sagen möchte ist: Es geht. Oder du musst Gott sagen: du kannst. Und das ist Ende der Geschichte. Wenn Du weißt, dass das Dein Traum ist und Du das weißt, wo dein Platz ist, und es ist möglich. Ich sag immer, ich hatte keine Ahnung. Das war mein großer Vorteil, dass ich keine Ahnung hatte. Weil die Ahnung hatten, die haben gesagt, das geht nicht und das kann man nicht machen und so und.
Ich sag’s immer so: Die Welt ist gut, die ist nicht so böse und das passiert nicht nur das, was wir abends 20 Uhr in den Nachrichten hören, sondern passiert ganz, ganz, ganz, ganz viel, wenn wir die Tür aufmachen, rausgehen, offen sind und zuhören. So viel Großzügigkeit, so viel Freundlichkeit, so viel Schönes und so viel Gutes.
Hattest Du denn auch Ängste, als Du wusstest, jetzt muss ich auch mal wieder nach Hause?
Genau, nachdem wir in Santiago ankamen, hatten wir dann in dem Sinne kein festes Ziel mehr. Sondern wir sind einfach Richtung Süden gefahren und haben dann noch weitere Menschen getroffen, die uns dann dort eingeladen haben. Dann sind wir drei Wochen dort und zwei Wochen da gewesen, und so war der Café-Bus dann ein Jahr im Portugal unterwegs.
Und dann gab es eine Situation, dass mein Sohn hier zurück in die alte Heimat wollte. Er hat erst bei der Mutter gewohnt und wollte zurück. Das war dann für mich natürlich das Zeichen, dass ich umdrehe und dass ich ihm jetzt noch die letzten zwei Jahre noch begleite auf seinem Schulweg.
Jetzt hat auf einmal der Bus wieder für zwei Jahre einen festen Ort, der war ja auch kaputt. Das Schöne war natürlich dann wieder auch mit meinen Kindern unmittelbar zusammen zu sein und nicht nur mal am Wochenenden oder über den Bildschirm. Das ist auch was Wunderschönes.
Aber das Leben geht weiter, und dann muss man gucken, was jetzt dran ist. Und einfach nicht die Frage vergessen: Wo bin ich lebendig oder wo kann ich das am besten zum Vorschein bringen, was in mir liegt.
Und wo kann ich mein ganzes Potenzial entfalten, wo ja nicht nur ich was davon habe, dass es mir gut geht, sondern vor allem auch alle anderen Menschen umherum.
Hast Du jetzt auch irgendwelche Hoffnungen an die an die Zukunft?
Ich hoffe, dass der Bus weiter fährt, genau.
Manche sagen: Was ist, wenn das passiert und was kann alles schief gehen oder was weiß ich nicht, was dann ist. Was dann ist, will ich mir keine Gedanken machen. Ich würde meinen Tag heute nicht verschönern, wenn ich über alles nachdenken würde, was alles schief gehen kann und was schlimm sein kann.
Ich freu mich, dass ich heute wachgeworfen bin und dass ich meine Kaffeemaschine anmachen kann und dass ich losfahren kann und netten Leuten begegne.
In welchen Aspekten oder Momenten handelst du heute anders als in deinem alten Leben?
Wüsste ich jetzt nicht so, wenn ich nachdenke… Ich würde jetzt manche Sachen nicht mehr so sagen, die ich früher gesagt habe, oder nicht mehr mit der Überzeugung von Allgemeingültigkeit.
Eher so, dass ich dieses Koordinatensystem: Das ist der richtige Weg. Das ist das, was ich für wahr erkannt habe, diesen Weg musst du gehen, und links und rechts nicht. Das habe ich nicht mehr, sondern ich denke, ich habe in dem Sinne keine Zäune mehr.
Das Schöne ist ja auch bei dem Bus natürlich, dass es ein bisschen grenzenlos ist. Ich bin nicht gebunden an einen Ort oder Raum. Aber sonst kann ich so viel lernen. Das ist wirklich das Schöne, dass man noch mal so viel dazulernt jeden Tag. Weil nicht nur der Ort sich wechseln, sondern auch die Menschen wechseln und die Erfahrungen und die Kulturen und so. Das ist das schon sehr Beeindruckende.
Wo würde ich anders handeln? Das ist anders, dass ich viel mehr sage: “Ich weiß es nicht. Ich bin nicht sicher. Das ist gut und das ist blöde, das ist falsch und das ist richtig.” Sondern ich höre viel mehr zu, das ist sehr spannend, was für dich richtig ist. Ich habe keine Lust mehr, Antworten zu geben oder Ratschläge zu geben und sagen, Du musst es so machen …
Sondern: Wie machst Du es denn? Und die Leute erzählen einfach. Die Leute erzählen einfach. Es ist nicht mehr fertig und nicht nur Berichttgen oder meinen Standpunkt irgendwie weitergeben. Es ist schön, dass es andere haben und das auch machen können.
Gab es seit Deinem Burnout bestimmte Meilensteine oder so?
Also, ein Riesenmeilenstein war natürlich der Burnout und der Klinik-Aufenthalt. Da mal komplett rausgenommen zu sein, wirklich ganz viel Zeit zu haben, nachzudenken, über das eigene Leben, über die eigenen Bedürfnisse, über die eigen Wünsche, über die eigenen Ängste. Da wirklich Zeit zu haben, das war schon beeindruckend. Ja und dann natürlich als ich den Bus gefunden und umgebaut hab.
Und dann als es gerade los ging, dann kam Corona, dann musste ich alles schließen, keine durfte keiner rein, Existenznot, dann kann die Scheidung, die Trennung. Mit ganz viel Frieden und mit ganz viel Klarheit auch, aber trotzdem nicht so wie man sich das vorgestellt hat. Schon viele immer wieder Unwegbarkeiten oder Herausforderungen. Also es gab immer Wege in Krisen hinein, aber es gab auch immer wieder Wege hinaus.
Das ist so ein bisschen mein Naturell. Okay, es ist gerade schwierig, aber ich bin ja dann mal gespannt, wo es dann geht. Es wird ja schon irgendwo dann eine Lösung geben.
Und was hat dir denn am meisten geholfen in dieser Burnout-Situation, aber auch in der Zeit danach?
Wir mussten in den ersten vier Wochen in der Klinik das Handy abgeben, hatten keinen Kontakt zur Außenwelt… Auch nicht mit der Familie! Das war eine schwierige Zeit, aber umso mehr warst du gezwungen, Kontakt mit dir selbst aufzunehmen. Das war sehr hart und schwierig, aber auch sehr heilsam.
Und dann das Konzept, die Entdeckung mit dem inneren Kind, das war ein Bild, was mich sehr angesprochen hat. Und wieder die Freiheit zu bekommen, nicht mehr alles wissen zu müssen und klar zu haben, was richtig falsch ist, sondern einfach zu sagen: Okay, ich bin ein Reisender, ich weiß es auch nicht…
Hattest du auch Rückschläge?
Was sind richtige Rückschläge, das ist halt wieder eine Deutung. Mit der Zeit sieht man das halt anders, ne? Natürlich die Scheidung, eine Trennung mit einer Familie ist eine Katastrophe.
Jetzt im Nachhinein ist das dann toll, dass wir das gemacht haben. Und nicht gewartet haben, bis dass der Tod uns scheidet, sondern dass wir jetzt eine gute Entscheidung getroffen haben für uns und für unsere Kinder.
Das ist in der Situation selbst natürlich erstmal schwierig, das so zu sehen und aber im Nachhinein ist ja die Erfahrung, dass das am Ende dann das doch gut wird. Und es kann was Gutes aus Krisen entstehen.
Blitzlicht-Runde:
Die Essenz oder Kernbotschaft Deiner Auszeit in einem Satz:
Das Leben ist gut!
Der wichtigste Schritt, der Dich über den Wendepunkt hinaus gebracht hat:
Es war nicht dieser eine Schritt, sondern viele kleine Schritte. Und wenn es nur die Entscheidung ist in der Früh: Ich stehe auf und guck mal, was passiert jetzt.
Also auch als die Idee entstanden ist mit dem Bus. Viele Menschen erzählen mir, sie finden das mutig.
Was ist Mut? Mut entsteht, wenn wir uns auf den Weg machen.
Neugierig bleiben, auch den Druck rausnehmen.
Welche Ressource hat für Dich einen hohen Mehrwert?
Nichts. Nichts zu haben. In der Stille zu sein, kein Bildschirm, kein Handy.
Nur bei sich zu sein, das ist eine große Ressource, und erstmal wahrzunehmen, was ist da in mir.
Was ist Deine beste Buchempfehlung:
- Die “Achtsam morden”-Serie von Karsten Dusse
(siehe dazu auch meine Rezension in Podcast-Folge 107) - *Das Café am Rande der Welt von John Strelecky
- *Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl
und natürlich das Buch *”Abgefahren“, dass Michel mit seiner Helene geschrieben hat und
das ich bereits in der letzten Podcast-Folge rezensiert habe.
Hier könnt ihr Kontakt mit Michel aufnehmen, ihn für eine Lesung buchen oder schauen, wo der Café-Bus sich gerade befindet:
https://abgefahren.doppellecker.de/ oder auch nur doppellecker.de
Michel sagt: Jeder braucht einen Ort, an dem er sein darf und das soll der Bus sein.
Danke, Michel, für das Gespräch, und danke, dass Du diesen Raum zur Verfügung stellst und dabei selber auch aufblüht und andere aufblühen lässt.
Bildrechte (Michel im Bus): Margareta Rogulski

