Folge 090: Interview mit Reino Gevers

Der Weg zurück ins Leben-Podcast – von und mit Christina Bolte sowie heute mit ihrem Interview-Gast Reino Gevers.

Buchautor Pilger Reino Gevers

Buchautor Reino Gevers aus Mallorca

Meinen heutigen Interviewpartner Reino Gevers lernte ich im beruflichen Kontext kennen, da wir für den gleichen Auftraggeber Seminare im Gesundheits-kontext halten. Er ist geboren und aufgewachsen in Südafrika, wo er seine Karriere als Journalist begann. Später in Deutschland arbeitete er fast 20 Jahre für die Deutsche Presseagentur in Hamburg, davon auch viele Jahre als Betriebsrat. Reino beschreibt die letzte Zeit als recht schwierig, denn aufgrund der beginnenden Digitalisierung hatte sich die Arbeit stark verändert und vormals sichere Jobs waren es nun nichtmehr. Darüber hinaus konnte er bei vielen Kollegen wie aber auch bei sich selbst Anzeichen von Erschöpfung und Burnout wahrnehmen.

Was ihn – nicht nur einmal sondern mittlerweile bereits ziemlich oft – auf den Jakobsweg gebracht hat und wie der ihn dazu gebracht hat, sein Leben grundlegend zu verändern – darum geht es im heutigen Interview. Aber höre selbst:

Eine kurze Zusammenfassung dieses Interviews wie auch die Links zu den erwähnten Büchern findest Du im Folgenden:

Was war das Schönste und Bewegendste, das Du unterwegs erlebt hast ….
Die Begegnungen und Gespräche mit anderen Pilgern. Auf meinem ersten Jakobsweg war das eine Begegnung mit einem Schotten, der aus Edinburgh losgelaufen ist, den ganzen Weg durch Frankreich bis nach Santiago. Den hab ich dann kurz vor Santiago kennengelernt. Dessen Frau war verstorben, der hat dann die Tür von seinem Haus zugemacht und ist losgegangen. Er hat dann zu mir gesagt, der Weg ist dazu da, sich diese Dinge abzulaufen. Er hat sich mir gegenüber ziemlich shcnell geöffnet, so wie man das eigentlich nur tut, wenn man jemanden sehr lange kennt – und das ist mir auf dem Jakobsweg sehr oft passiert, dass man so intensive Begegnungen hat.

Welches waren Deine größten Deine Lernerfahrung oder Erkenntnisse während Deines Jakobsweges:
Also zum einen habe ich in meinem ganzen Leben immer wieder gehadert mit Theologie und religiösem Dogma. Denn die Apartheid in Südafrika ist durch den dortigen Calvinismus theologisch begründet worden – dadurch war für mich die Kirche nicht mehr glaubwürdig. Duch die vielen Wanderungen auf dem Jakobsweg habe ich viel erfahren, auch spirituelle Erfahrungen gemacht. Ich habe viele Texte dabei gehabt, z. B. von Meister Eckart oder das Vaterunser auf Aramäisch (der Muttersprache Jesu), die mich auf dem Weg begleitet haben und mir so eine Botschaft entschlüsselt haben. So habe ich gemerkt, das da etwas Größeres ist als wir mit unserem menschlichen Verstand erfassen können – also eine Erfahrung, die von Innen kommt.
Und zum anderen habe ich – durch die unzähligen Gespräche mit anderen Pilgern – erkannt: Das Leben ist nicht endlos. Und wenn das so ist, was machen wir mit dieser Lebenszeit, die uns verbleibt und wie füllen wir sie sinnvolle? Ich für mich habe diesen Sinn in meiner journalistischen Arbeit jedenfalls nicht mehr gefunden.
Ich hab dann festgestellt, dass das, was mich eigentlich interessiert, die Menschen-Geschichten sind, und deshalb mache ich ja auch jetzt dieses Beratungs- und Coachinggeschäft und die Seminare.

Deine größten Ängste während Deiner Auszeit auf dem Jakobsweg, v.a. auch für die Zeit danach:
Ich hatte auf meinem zweiten Jakobsweg ein grundlegendes Erlebnis, als ich mich in den Pyrenäen verlaufen hatte. Es war schon nachts, bei Gewitter und ich hatte keine Ahnung wo ich war. Es gab ja nachts Minusgrade, insofern war es ja schon auch sehr gefährlich. Und ich war dem völlig ausgeliefert und musste irgendwie, auch symbolisch, den Weg wiederfinden. Ich hab mich dann einfach vom Universum führen lassen und nach mehreren Stunden in diesem Regen habe ich zwischen den Bäumen so ein kleines Licht erkannt, und das war dann ein kleines Dorf mit einer kleinen Herberge. Die haben mich sogar auch reingelassen, obwohl es schon nach Mitternacht war. Das war dann schon so eine Ur-Angst.
Ja, ich hab da eine Weile kurz nicht aufgepasst und so die Markierung verpasst… Aber das Schöne ist ja, es ist immer irgendwo ein Mensch, der einem wieder die richtige Richtung zeigt…

Angst vor dem Nachhausekommen hatte ich auch, denn der Weg hat mich ja nicht mehr losgelassen, v.a. auch diese wunderbaren Menschen, die man unterwegs trifft. Irgendwann war mal dieser Gedanke da: “Du kannst Dich nicht immer nur jedes Jahr auf dem Jakobsweg erholen, sondern Du musst auch mal grundsätzlich was an Deinem Leben ändern.” So war es dann 2010 so weit, dass der Standort in Hamburg geschlossen wurde, und ich hab dann den Sprung in die Selbständigkeit gewagt und mich gleichzeitig auch von meiner damaligen Frau getrennt.

Deine größten Hoffnungen für die Zeit danach?
Also beim ersten mal ging es mir ja eher so um das physische Erlebnis. Beim zweiten Mal war das ja schon länger, weil man da ja immer so Phasen durchmacht. Am Anfang ist man da ja immer noch so in so Widerständen drin und hat dann auch oft so Blasen an den Füßen, da quält man sich irgendwie so durch. Dann kommen so die alten, die emotionalen Geschichten aus der Kindheit hoch, und die dritte Phase kann man dann ja so genießen. Man hat so seinen Rhythmus gefunden und fühlt sich körperlich gut.
Letztendlich habe ich davon immer wochenlang gezehrt, ich war stressresistenter und hatte mehr Energie. Aber so nach mehreren Wochen oder Monaten ist man wieder so in seinem Trott drin. Jetzt müsste ich eigentlich wieder los. Irgendwann habe ich mir überlegt: “Einmal im Jahr ist das gut, aber wie transferierst Du das jetzt in den Alltag?”

Was hst sich seit dem Jakobsweg konkret in Deinem Alltag verändert?
Ich hab mir also schon vorgenommen, jeden Tag zu laufen, und schwer fällt mir das ja nicht, ich hab ja einen Hund, der zwingt mich ja auch dazu rauszugehen… Dann hab ich hier noch eine Wandergruppe, mit denen wir an den Wochenenden immer wandern gehen und eintauchen in die Natur.
Und dann hat man ja auf dem Jakobsweg so einen festen Tagesrhythmus – so ein Rhythmus ist auf im Alltag wichtig. Wie Du Deinen Tag beginnst, mit welchen Gedanken und Themen, das prägt Deinen ganzen Tag. Früher habe ich immer als erstes, wie man das als Journalist so macht, Handy gecheckt und Nachrichten geschaut, und das ist ja alles negativ. So das zieht sich ja dann so durch den Tag.
Ich hab jetzt für mich morgens ein schönes Ritual – und das gibt dem Tag einen Anker, eine Ausrichtung und das macht den Tag anders.
Und das Tagebuch führen, mit einer Grunderkenntnis, das habe ich auch vom Jakobsweg mit übernommen.

Wie lange hat das bei Dir gedauert, bis Du aus Deinem Job ausgestiegen bist?
Das hat bei mir schon so eine ganze Weile gedauert. Ich kam ja von einem Beruf, der sehr sachlich, sehr …, sehr zynisch mit den Dingen des Lebens umgeht. Also das ganze Umfeld ist ja so. Und ich hab auch mehr oder weniger mein komplettes Umfeld gewechselt. Ich bin bei Freundschaften sehr selektiv geworden, und es ist eben sehr wichtig, den Kontakt zu manchen Menschen zu intensivieren, denn das Leben ist endlich.
Insgesamt hab ich mich da so in einer Komfortzone ausgeruht, so als Betriebsrat mit Kündigungsschutz. Ich brauchte damals so meine Zeit um zu erkennen, dass es keine absolute Sicherheit im Leben gibt, dass das eine Illusion ist.

Was waren Deine Ressourcen, um diese schwierige Phase zu überstehen?
Das waren einzelne Begegnungen, die mich tief bewegt haben. Ich hab das in meinem ersten Buch über den Jakobsweg, Walking on Edge, also an der Kante laufen, verarbeitet. Eine davon war mit einem Amerikaner, ein Halbindianer, viel weises Wissen, wir hatten phantastische Gespräche gehabt, wir haben uns gegenseitig helfen können. Aber da waren natürlich auch viele weitere Begegnungen.
Ich hab das natürlich auch noch therapeutisch bearbeitet, zusammen mit einer Therapeutin, die das zusammen mit mir reflektiert hat. Das war schon eine wichtige Zeit und ein wichtiger Prozess. Wenn da also noch was unverarbeitet ist, womit Du haderst, nach den tiefen Erlebnissen, such Dir da Hilfe.

Blitzlicht-Runde:

Die Essenz Deiner Auszeit in einem Satz:
Der Jakobsweg ist ein Crashkurs des Lebens – wenn Du ihn mit Offenheit begehst, ist der Jakobsweg eine ganz wichtige Lebensschule.

Die wichtigste Schritt, der Dich  aus Deinem Hamsterrad hinaus gebracht hat:
Die Erkenntnis, dass das Leben endlich ist und mir zu überlegen, nach vorne schauend betrachtend, mich zu fragen: “Was hast Du aus Deinem Leben gemacht? Hast Du Deine Träume wirklich gelebt?”

Die wichtigste Ressourcen, in dieser Phase:
Die grundlegende Wahrheit steckt in Dir, und jeder Mensch ist geboren mit einer Aufgabe. Du kannst ja nicht immer mit dem Wunschgedanken leben, das Leben fängt an, wenn ich in die Rente gehe. Das Leben ist Hier und Jetzt! Mache das Optimale aus dem Hier und Jetzt. Denn das ist das Leben!

Deine besten Buchempfehlungen:

Was möchtest Du unseren Zuhörern zum Abschluss noch mit auf den Weg geben:
Such Dir eine Auszeit in der Natur, auch wenn es nur um die Ecke ist im Wald.

Deine Kontaktdaten:
www.reinogevers.com

 

 

 

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